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8. Quartiers-Forum

"Wege aus der Einsamkeit"

8. Quartiers-Forum: "Wege aus der Einsamkeit"

 

AUSGANGSSITUATION

Mit dem 1. Quartiersforum am 5. Juli 2016 hat die Stadt Eschweiler ein neues Format zur Partizipation bei Planungs- und Entwicklungsprozessen in der Stadt eingerichtet. Inzwischen sind bereits 7. Quartiersforen zu unterschiedlichen Aspekten der Entwicklung in Eschweiler und seinen Quartieren durchgeführt worden.


Das 8. Quartiersforum fand nun am 26. September 2023 im Ratssaal des Rathauses der Stadt Eschweiler statt und beschäftigte sich mit Wegen aus der Einsamkeit. Mit diesem Quartiersforum hat die Stadt Eschweiler ein derzeit in vielen Ländern der Europäischen Union diskutiertes Thema aufgegriffen. So haben sowohl Großbritannien, Frankreich als auch die Niederlande bereits vor einigen Jahren nationale Aktionspläne und landesweite politische Initiativen gegen Einsamkeit gestartet. Aber auch in den USA, Neuseeland und Japan avancierte das Thema „Einsamkeit“ inzwischen zu einem Number-One-Issue auf der politischen Agenda. In Deutschland hat das Bundeskabinett im Dezember 2023 nunmehr auch eine „Strategie der Bundesregierung gegen Einsamkeit“ beschlossen.1 Im Rahmen dieser Strategie werden aktuelle bereits mehrere Maßnahmen und Projekte gefördert, so auch ein „Kompetenznetz Einsamkeit“.

Und auch der Landtag des Landes NRW hat eine Enquetekommission eingesetzt, die Ursachen und psychische und physische Folgen von Einsamkeit für die Gesundheit analysiert hat. Da „Einsamkeit“ erst seit wenigen Jahren diesen prominenten politischen Status besitzt, liegen verlässliche Erkenntnisse über die Wirksamkeit der verschiedenen nationalen Initiativen in Europa, den USA und in Asien noch nicht vor.

Einen wesentlichen Schub hat die gesellschaftlichpolitische Diskussion über Folgen von und die Möglichkeiten zu - Bekämpfung von Einsamkeit durch die Corona-Pandemie erhalten. Zum einen sind als Folge der sozialen Restriktionen in der Pandemie soziale Beziehungen auch dauerhaft zerbrochen. Zum anderen haben die Kontaktverbote und Interaktionsbeschränkungen der Pandemiephase deutlicher als je zuvor die auch vorher bereits vorhandene – evtl. aber weniger ausgeprägte -, vor allem aber weniger gesehene bzw. thematisierte soziale Isolation und Einsamkeit vieler Menschen in das Licht der Öffentlichkeit gezerrt.

Einsamkeit ist nun jedoch kein lediglich nationales oder Landesproblem, sondern formt sich und wird direkt erfahrbar und alltäglich erlebbar auf der lokalen Ebene – bei Nachbarn, im Quartier oder auch in Einrichtungen, in denen ältere Menschen ihren Lebensabend verbringen.
Aber auch wenn über Möglichkeiten zur Bekämpfung von Einsamkeit nachgedacht wird, kommt der lokalen Ebene, dem Quartier, der Nachbarschaft und anderen kleinräumigen „engen“ sozialen Settings eine besondere Bedeutung zu, da hier Gegenmaßnahmen ihre unmittelbare und
schnelle Wirkung entfalten können.

Wichtig ist daher, dass im Interesse der zahlreichen Betroffenen der lokale Dialog Fahrt aufnimmt, um Sensibilität für das Thema und die Betroffenen zu schaffen und mit „einfachen“ und anderen Mitteln im Alltag Einsamkeit zu bekämpfen. Die Stadt Eschweiler hat mit dem 8. Quartiersforum diese Notwendigkeit erkannt und möchte mit einem ersten Schritt, dem weitere Folgen müssen und sollen, Wege aus der Einsamkeit entwickeln und im lokalen Setting umsetzen.

So betonte dann auch Dana Duikers, Beigeordnete für Soziales, Bildung, Jugend, Kultur und Sport der Stadt Eschweiler, zu Beginn des 8. Quartiersforums, dass das Thema „Einsamkeit“ auch in Eschweiler ein wichtiger gesellschaftlichpolitischer Aufgabenbereich ist, der mit einem integrierten Ansatz gemeinsam von der Stadt Eschweiler, den Bürgerinnen und Bürgern sowie mit Vereinen und Organisationen mit ersten konkreten Maßnahmen und Aktionen bearbeitet werden müssen. Die aus nationalen und internationalen Studien vorliegenden Informationen zur Zahl der Menschen, die sich selbst als einsam bezeichnen, lassen die Dimension der Betroffenen auch in Eschweiler erahnen.

Ähnliche Relevanz attestierte dem Thema „Einsamkeit“ auch Peter Toporowski, Mitarbeiter des Amtes für Soziales, Senioren und Integration und Seniorenbeauftragter der Stadt Eschweiler besonders mit Blick auf die Lebenssituation von älteren Menschen in Eschweiler. „In der täglichen Arbeit mit dieser Bevölkerungsgruppe erleben wir sehr oft vor allem allein lebende Frauen, die sich einsam fühlen“, so Toporowski. Die erfahrene Einsamkeit sei dann oft auch mit psychischen und physischen Problemen und auch Erkrankungen verbunden. Um diese Wege aus der Einsamkeit aufzeigen zu können, besitzt für Toporowski die frühe Einbindung von Betroffenen besondere Bedeutung. Zu berücksichtigen sei dabei auch, dass viele ältere Betroffenen nur über geringe finanzielle Ressourcen und häufig auch nur über eingeschränkte Mobilität verfügten.

EINSAMKEIT IN ESCHWEILER

Mit den Fragen „Wer ist einsam in Deutschland?“ und „Wer ist einsam in Eschweiler“ beschäftigte sich in einem Impulsvortrag anschließend der Eschweiler Soziologe Dr. Wolfgang Joußen.4 Ausgehend von den für Deutschland insgesamt vorliegenden Untersuchungen zur Dimension von
Einsamkeit in der Bevölkerung aktuell kommt Joußen dabei zum Ergebnis, dass pot. auch in Eschweiler zwischen 12 und 15% der Bewohnerinnen und Bewohner – also ca. 6.700 und 8.400 EW Einwohnerinnen und Einwohner – einsam sind. Und dies betrifft auch in Eschweiler nicht nur ältere Menschen, sondern auch in besonderem Maße die Altersgruppe zwischen 30 und 39 Jahren (ca. 11%=ca. 1.100 EW), wenngleich ältere Menschen ab 55 Jahre mit ca. 15% noch häufiger von Einsamkeit betroffen sind (Eschweiler: ca. 3.200 EW). Besonders häufig berichten ältere Menschen in Senioreneinrichtungen über Einsamkeitserfahrungen, sodass sich für Eschweiler als Stadt mit einer Vielzahl von Wohn- und Pflegeheimen für ältere Menschen insoweit noch ein besonderer Aufgabenbereich bei der Bekämpfung von Einsamkeit stellt. Und auch Zuwanderinnen
und Zuwanderer sind aufgrund geringer Sprachkompetenzen von Einsamkeit betroffen.

Zahlen und Daten zur Einsamkeit in Eschweiler bilden eine wichtige Grundlage für die weitere Arbeit am Thema. Aber sie sind nur eine Seite des Phänomens. Für die Entwicklung und Umsetzung von Maßnahmen und Aktionen gegen Einsamkeit ebenso relevant ist das Erleben und „Fühlen“
von Einsamkeit durch verschiedene Bevölkerungsgruppen in der Stadt. Das 8. Quartiersforum hatte daher vor allem auch die Aufgabe, die subjektive Seite von Einsamkeit zu beleuchten. Daher erhielten die Teilnehmenden in einem weiteren Modul des Quartiersforums Gelegenheit, ihre Sichtweisen und ihr Erleben von Einsamkeit zu reflektieren und im Anschluss auch zu präsentieren. Unter dem Motto „Jetzt sind Sie dran“ erhielten die Teilnehmenden eine Minute Zeit, dass für sie Wichtige zu Thema „Einsamkeit“ zu notieren und anschließend dem Plenum des Quartiersforums vorzustellen. Von kurzen Erlebnisberichten über die mit Einsamkeit gemachten Erfahrungen, Beschreibungen der physischen und psychischen Folgen der Einsamkeitserfahrungen bis hin zu konkreten Vorschlägen, wie Einsamkeit bekämpft werden könnte, reichte das Spektrum der Beiträge der Teilnehmenden. Deutlich wurde dabei vor allem auch, dass das Einsamkeitsempfinden und -erfahren in der Bevölkerung durchaus unterschiedlich ist und soziale Isolation ebenso umfasst wie Einsamkeitsempfinden in depressiven Phasen ohne reale soziale Isolierung.

Diese hohe Subjektivität von Einsamkeit spiegelten dann auch die Vorschläge zu möglichen Maßnahmen und Aktionen, mit denen Einsamkeit entgegengewirkt werden kann. Dazu gehört tiergestützte soziale Arbeit ebenso wie Möglichkeiten zum kreativen Arbeiten. Aber auch Erwerbsarbeit,
Gärtnern, die Organisation von Unterstützung in der Nachbarschaft sowie die Organisation von Betroffenen in „Selbsthilfegruppen“ sind demnach geeignet, Einsamkeit zu bekämpfen. Als wichtig wurde aber auch die Änderung von traditionellen Wohnformen genannt.

Die Beiträge der Teilnehmenden machten sehr deutlich, dass Einsamkeit ebenso heterogen wie die Bevölkerung ist und es somit auch keinen „Königsweg“ bei der Bekämpfung von Einsamkeit in Eschweiler gibt. Einsamkeit hat offensichtlich eine Vielzahl von Ursachen und formt sich je nach sozialem Setting durchaus unterschiedlich. Genau diese Diversität gilt es bei der Planung und Umsetzung von Maßnahmen zur Bekämpfung von Einsamkeit in Eschweiler zu berücksichtigen.

FOKUS-GRUPPEN

Konsens bestand bei den Teilnehmenden, dass das 8. Quartiersforum zum Thema „Einsamkeit“ ein erster Schritt zur Bekämpfung von Einsamkeit in der Stadt war, dem nun weitere folgen müssen, damit zielgruppengenaue Maßnahmen und Angebote entwickelt werden können. Die Teilnehmenden verabredeten sich daher am Ende des 8. Quartiersforums zur Weiterarbeit am Thema in Fokus-Gruppen. Dazu wird die Stadt Eschweiler in Kürze die Teilnehmenden sowie auch alle weiteren Interessierten einladen.

Dr. Wolfgang Joußen